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Alfred Tetzlaff

10 Jahre ist es her, dass der Anruf einging mit der Frage einer Tierschützerin:
„Dürfen wir den freundlichen Boxer den wir zur Pflege bei dir sitzen haben, gegen einen unfreundlichen Shar Pei eintauschen?“ – Am folgenden Tag kam Alfred….

Er war als Welpe an eine Dame und ihren Vater vermittelt worden. Diese mussten ihn nach 3 Jahren zurückbringen, da beide schwer erkrankt waren. „Alfi“, wie er gerufen wurde, wurde vom Verein in einer Tierpension untergebracht, in den folgenden 8 Wochen konnte ihn niemand mehr anfassen. Er lief mit Schleppleine, selbst diese hochzunehmen war unmöglich…. der Hund attackierte sofort.
Dies war der Grund für den gewünschten Tausch – er lies niemanden an sich heran.

Als „Alfi“ gebracht wurde, waren als erstes Zähne, Zähne und noch mehr Zähne zu sehen, dem Gebrüll welches er veranstaltete nach, schien er festen Willens, diese auch umgehend zum Einsatz zu bringen. Das Ausladen aus dem Auto verzögerte sich damit um ca. 1 Stunde, diese Zeit bekam er, um mich, die neuen Düfte, die Umgebung, etc. überhaupt erst einmal wahrzunehmen.Ich stand mit dem Rücken zu ihm und versperrte so den geöffneten Kofferraum. Nach dieser ca. 1 Stunde schob sich ein weisser Kopf über meinen Ellbogen und er wollte aussteigen. Damit konnte ich die Leine greifen, und ihn in den Hof führen. Dort lernte er die anderen Hunde kennen, konnte von dort aus mit ins Haus, lernte das Hundezimmer und auch mein Privatzimmer kennen, und adoptierte mich am folgenden Tag.

Nachdem mir ähnliches 1 Jahr zuvor mit einem anderen Shar Pei passiert ist….., jeder der Shar Peis kennt, weiss, dass diese Hunde durchaus anders sind als andere Hunde, fing ich an mir ernsthafte Sorgen zu machen, ob ich wohl auch schon so schräg drauf bin, dass ausgerechnet diese Hunde sich so zu mir hingezogen fühlten.

Einen Hund, der potenziell jederzeit bereit war Menschen anzugreifen und zu verletzen „Alfi“ zu nennen, erschien mir etwas deplaziert, und so wurde aus ihm „Alfred Tetzlaff“. Der Name blieb sein Leben lang Programm.

Es dauerte 6 weitere Monate, bis Alfred Tetzlaff bereit war, auch anderen Menschen zu vertrauen, es dauerte weitere 6 Monate, bis auch ich bereit war, und den Platz hatte, ihn privat zu übernehmen.

In den 35 Jahren meines Zusammenlebens und -arbeitens mit Hunden bekam ich den traurigsten Satz, den ich je über eine Mensch – Hund – Beziehung hörte von seiner ehemaligen Halterin zu Ohren. Darauf angesprochen, warum der Hund so aggressiv sei, und wie sich das entwickelt hat sagte sie irgendwann im Gespräch: „Mein Vater hatte sein Leben lang Rottweiler. Er kam mit Alfis Art überhaupt nicht zurecht. Ich glaube, mein Vater hat diesem Hund die Seele zerschlagen“
Ich möchte mir nicht vorstellen, wieviele Prügel Alfred bezogen hat, das Ergebnis hatten wir ja in den Händen. Es war auch eine Entropiumoperation (Rolllid nach innen) an beiden Augen notwendig, keiner hatte je bemerkt, dass der Hund im Freien bei jedem Windstoss Schmerzen hatte, seine Augen fest zusammenkniff, und dadurch die Haare ständig die Hornhaut reizten. I.d.R. wollte Alfred immer schnell wieder ins Haus, um dem zu entgehen.

Als Alfred 6 Monate bei uns war, absolvierte er seine erste Kinderfreizeit mit einem 11-jährigen Mädchen, eine Woche lang war er, unter unserer Anleitung, ihr ständiger Begleiter. Und die beiden machten das prima. Das Mädchen war etwas introvertiert, das kam Alfred sehr entgegen, denn auch er brauchte eine gute Individualdistanz. Die beiden gingen so feinfühlig miteinander um – es war eine Freude dem zuzusehen.

In den weiteren Jahren war Alfred überwiegend mit uns im Kinder- und Jugendhilfebereich in der tiergestützten Intervention tätig, und immer wenn besonderes Feingefühl gefragt war, wenn sich junge Menschen nur schwer öffnen konnten, kam Alfred mit ihnen „ins Gespräch“. Dadurch wurde er zu einem grossartigen Helfer in unserer Arbeit.Auf Alfreds Menschenkenntnis war immer Verlass. Wenn Alfred jemanden anknurrte, hiess es immer, dich mag ich nicht, lass mich in Ruhe. Wenn er jemanden nicht anknurrte, war er ab dem ersten Moment bereit zur Kontaktaufnahme.

Alfred Fähigkeiten gingen so weit, dass er frühzeitig erkannte, wenn einer der Hunde krank war und dadurch schwächer wurde, quasi nicht mehr rudeltauglich war, dann fing er an diese aus dem Rudel zu beissen. So hat er vor Jahren bei unserem Boxerrüden eine sehr aggressive Krebserkrankung festgestellt, noch bevor wir sie bemerkt hatten. Wir mussten Kodi damals nach Erkennen der Erkrankung binnen 6 Wochen einschläfern. Alfred hatte ihn 14 Tage zuvor aus dem Rudel gebissen. Später musste ich dieselbe Verhaltensweise auch mit anderen Hunden erleben.

Heute gehört Alfred zu den Schwachen. Mit ca. 13 Jahren baut er inzwischen so deutlich ab, dass ich wiederum in absehbarer Zeit einen Freund, Mitarbeiter und eine Persönlichkeit verlieren werde.
Er wird immer ruhiger, schläft so fest, dass er die Umgebung teilweise nicht mehr wahrnimmt,fängt nun an dünner zu werden, ist dankbar für jede Zuwendung…. und ich bin immer wieder dankbar für diese grossartigen Persönlichkeiten, die uns jahrelang begleiten, unglaublich wandelbar sind, und von denen wir lernen dürfen.

Auch hier werden wir das letzte Stück des Weges gemeinsam gehen, und die Zeit die wir noch haben so gut es geht miteinander genießen.

Alfred wurde am 17.03.2018 eingeschläfert.